Am 22. März fand im Prechtlsaal der TU Wien das vom WCV und dem Vorort Glückauf Leoben gemeinsam organisierte Zukunftsgespräch zum Thema „Hochschul(d)politik“ statt. Im Publikum befanden sich ca. 80 interessierte Hörer, welche sich auch aktiv an der im Anschluss an die Podiumsdiskussion stattfindenden Fragerunde beteiligten.

Die eingeladenen Diskutanten waren Sebastian Kurz, Staatssekretär für Integration, Mag. Elmar Pichl, Stv. Leiter der Hochschulsektion im Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, Mag. Martin Brenner, Bundesobmann der AktionsGemeinschaft, Mag. Nikolaus Scherak, Spitzenkandidat JuLis und DI Peter Pulm, Amtsträger für Hochschulpolitik des ÖCV. Moderiert wurde die Diskussion vom Vorortspräsidenten Mario Kuss.
Nach der offiziellen Begrüßung und Eröffnung durch den WCV-Präsidenten Francesco Corradini wurden verschiedene wichtige Hochschulthematiken angesprochen. Inhaltlich wurde sehr einhellig das Auftreten und auch die Politik der aktuellen ÖH kritisiert. Dabei wurde ins Treffen geführt, dass es auf Bundesvertretungssitzungen um alle möglichen Themen, wie z.B. die Situation der Bolivianischen Bauern gehe, nicht aber um studenten-relevante Themen. Durch den Betrieb des Café Rosa wurde beispielsweise knapp eine halbe Million Euro vergeudet, die ÖH in der Öffentlichkeit ins Lächerliche gezogen und dadurch auch das Ansehen der gesamten Studentenschaft in der öffentlichen Meinung beschädigt. Erwähnt wurden in diesem Zusammenhang auch die prekären Mehrheitsverhältnisse in der ÖH. Die AktionsGemeinschaft konnte bei der letzten Wahl ihren ersten Platz noch weiter ausbauen, den Vorsitz bildet allerdings eine Viererkoalition der 2. bis 5. gereihten Fraktionen.
Von den JuLis wird immer wieder die Abschaffung der Zwangsmitgliedschaft der ÖH gefordert. Es wurde aber erwähnt, dass solchen BV-Anträgen seitens der AktionsGemeinschaft nicht zugestimmt werden kann, da es sehr wohl gut funktionierende, vor allem lokale ÖHs gibt, die sich in bürgerlichen Händen befinden und den Studenten mit ausgezeichnetem Service und Beratung wirklich weiterhelfen.

In der zweiten Diskussionsrunde ging es um die unausgewogene Verteilung der Studenten auf die Kapazitäten und Ressourcen der Universitäten. Dabei ging Staatsekretär Sebastian Kurz auf Aspekte der Studien- und Berufsberatung in den Haupt- bzw. Neuen Mittelschulen, Polytechnischen Schulen und den AHS ein. In den Schulen gebe es kein Fach „Berufswahl bzw. Berufsorientierung“, diese Tätigkeit werde daher an vielen Schulen „nur“ ehrenamtlich von engagierten Lehrern ausgeführt. Gleichzeitig sei es in der politischen Diskussion nicht möglich, die aktuelle Fächerzusammenstellung zu überdenken, um eventuell ein Fach mit entsprechenden Berufs- und Studieninformationen zu etablieren. In Folge der eher mangelhaften Beratung bemerken viele Neuinskribierende erst nach der Wahl ihres Studiums, dass sie sich für das Falsche entschieden haben.
Von Martin Brenner wurde zur Regelung der Kapazitäten der Universitäten das Schlagwort eines fairen „Zugangsmanagements“ in die Diskussion eingebracht. Gemeint ist damit, dass in sogenannten Massenstudienfächern Zugangsbeschränkungen eingeführt werden sollten, welche eine Umlenkung der Studieninteressenten in weniger begehrte, aber gesellschaftlich umso notwendigere Studienrichtungen zur Folge haben können.
Noch dazu sinkt durch gutes Zugangsmanagement die Drop-Out-Quote gewaltig. Als Beispiel wurde der EMS genannt. Vor dessen Einführung befand sich die Abbrecherquote an den Medizinischen Universitäten bei über 50%, seit der Einführung ist diese auf 5% gesunken. Das zeigt, dass durch solch einen Test die Sicherheit für Studenten, ihr Studium auch abzuschließen, enorm erhöht wird.
Kernthema der Diskussion war die zukünftige Finanzierung des Hochschulsektors. Hierbei wurde die minimale Drittmittelfinanzierung der Universitäten (mit Ausnahme der Universität für Bodenkultur) im Vergleich zu anderen OECD- Ländern hervorgehoben. Es wurde aber auch darauf hingewiesen, dass in den meisten Ländern 2 % des BIP in Bildung investiert werden. Von solchen Werten ist Österreich aber leider weit entfernt. Von Elmar Pichl wurde hierbei aber die besonders starke Rolle von BM Töchterle hervorgehoben, welcher 1 Milliarde Euro in den nächsten drei Jahren für die Hochschulen als seinen Verhandlungserfolg verbuchen kann. Weiters wurden von Kurz und Pichl auch die kleinen Etappensiege der letzten Monate in den Verhandlungen mit dem Koalitionspartner zur Frage der Studiengebühren hervorgehoben. In weiten Teilen der SPÖ herrsche bereits eine Zustimmung zu Zugangsbeschränkungen beziehungsweise Studiengebühren. Es sei nur noch eine kleine ideologisierte Gruppe, welche die Anti-Studiengebühren-Haltung aufrechterhalte.
Als letzte Diskussionsfrage wurde von Mario Kuss das Thema der in Begutachtung befindlichen Verwaltungsreform angeschnitten. Geplant ist hierbei die Installierung von unabhängigen Verwaltungsgerichten in den Ländern, welche durch Konzentration möglichst vieler Sachmaterien als universelle Rechtsschutzinstanz fungieren sollen. Dies würde auch den Bereich der Universitäten berühren, da über Berufungen nicht mehr die Universitätssenate, sondern die Verwaltungsgerichte entscheiden würden. Da den häufigsten Fall von Berufungen Anerkennungen und Anrechnungen von Studien darstellen, und die für die materielle Entscheidung notwendige Fachkompetenz nicht beim Gericht liegt, müsste über Gutachten, welche wieder von den Universitäten erstellt werden, diese Kompetenz „zugekauft“ werden. Dies würde „wahrscheinlich“ zu einer Verteuerung und Verzögerung von Berufungsverfahren führen. Positiv könnte gesehen werden, dass damit in der Vergangenheit ergangene Willkürentscheidungen der Senate nicht mehr vorkommen, da auf eventuelle Präjudizien zurückgegriffen werden kann.
In der allgemeinen Fragerunde wurde aus dem Publikum der Vorschlag der Einführung eines Orientierungs- und Praktikumsjahres an Stelle des Zivildienstes aufgeworfen. Dies würde zu einer besseren Orientierung und Berufsauswahl der Berufsanwärter führen.
Es wird gewünscht, dass sich vermehrt Carteller in der Hochschulpolitik einbringen, sei es auch nur durch Mobilisierung bei den ÖH-Wahlen, damit solche Vorfälle wie das Cafè Rosa nicht wieder vorkommen. Es muss endlich wieder eine ÖH geben, die sich ausschließlich für studienrelevante Themen einsetzt!
Alles in allem war es eine sehr konsensuale Diskussion, welche äußerst informativ und spannend die aktuellen Probleme und mögliche Lösungen, auch anhand internationaler Vergleiche, aufzeigte.

Liebe Cartell- und Bundesbrüder,
Befürchtungen des WCV werden Wahrheit










